Skulptur aus Stahlrohr, Leuchtenden, Plexiglas, Stahlseil, Aluminium, Kunststoff, 15 Meter hoch
Standort: Hardaupark
Gehzeit vom Toni bis in den Hardaupark: ca. 25 Minuten
Recherche vor Ort
Montag, 26. April 2021 / 12.24 – 14.14 Uhr
Lagebericht:
In Zürich sind gerade Frühlingsferien. Das Oberstufenschulhaus Albisriederplatz wird gerade geputzt. Frühlingsputz. Heute ist es sonnig, doch es geht eine kühle Bise.
12.24 Uhr: Der Park ist locker bevölkert. Es ist immer jemand da. Bei meiner Ankunft hatte es verschiedene Bevölkerungsgruppen im Park. Die meisten Menschen, die auf dem Park waren, kamen her, um hier die Mittagspause zu verbringen. Sie sassen in Gruppen da, assen redeten miteinander. Zwei Frauen nahmen Platz nahe bei mir. Eine Frau hatte ein Baby im Tragtuch. Nach etwa 30 Minuten gingen sie wieder. Einige Leute sassen auf den Sitzbänken rund um den Park herum. Sie waren alleine da und redeten mit niemandem. Zwei Frauen waren dabei, bei der Skulptur eine Choreographie einzuüben. Es sah eigentlich auch wie Schattenboxen. Doch anstatt dass sie boxten, vollführten sie Figuren aus einer asiatischen Kampfsportart. Hinter rollten zwei Frauen ihre Turnmatten aus. Sie machten ein physisches Workout, bei welchem sie die Anweisungen aus einer Boombox befolgten. Aber nur etwa 15 Minuten. Danach hörten sie fremdländische Musik und jede las in einem Buch. Eine Gruppe Kinder füllte ihre Wasserpistolen am Trinkbrunnen und streiften über den Platz. Sie näherten sich den Workout-Frauen, nahmen sie aber nicht in Beschuss.
13.00 Uhr. Die Kindergruppe ist verschwunden. Eine alte Frau mit weissem Haar ist mit fünf Kindern auf den Spielplatz gekommen. Das kleinste ca. 3 Jahre, das älteste etwa 9 Jahre alt. Nun sitzen lauter ältere oder alte Männer auf den Sitzbänken. Sie unterhalten sich in Gruppen bankübergreifend.
13.30 Uhr. Nun hat es nicht mehr viele Leute, die im Park verweilen. Die meisten Menschen laufen mit Einkaufswagen oder ohne rasch vorüber.
Umgebung:
- Auf dem Park hat es grosszügige Grünflächen, viele verschiedene Sitzgelegenheiten (Mauer, Rasen, Sitzhöcker, etc.)
- Der Park ist eingekesselt von der Oberstufe Albisriederplatz, der Alterswohngenossenschaft Hardau II, den Hardaublöcken der Überbauung Hardau II, und noch weiteren Häusern.
- Es ist erstaunlich ruhig.
- Unten am Kunstwerk hat es einen schwarzen, ovalförmigen Hartplatz. Ich nehme an, aus Sicherheitsgründen, da man auf dem Y grundsätzlich schaukeln kann.
- Die Mauern, die das Kunstwerk säumen sind schräg nach oben verlaufend.
- Das Kunstwerk ist beschädigt und besprayt.
- Das Kunstwerk ist gerade defekt und die Schaukel ist um das Y gewickelt.
Das Kunstwerk:
Schräglage: Es ist ein anderes Gefühl, wenn ich auf der Seite stehe, auf welche sich das Y sich neigt oder auf derjenigen Seite, von wo es aufsteigt:
sich neigende Seite: Ich stehe quasi unter dem Kunstwerk. Ich fühle mich klein und von oben bedrückt. Es fühlt sich an, als ob sich das Werk auf mich stürzen möchte. Ich bekomme das Bedürfnis, die Skulptur zu stützen.
aufsteigende Seite: Auf dieser Seite fühle ich mich stark, fast heroisch. Der Verlauf des Y ähnelt einer Schanze oder Startbahn.

Symmetrie: Ein starkes Gefühl für die Skulptur bekomme ich, wenn ich in einem 90Grad-Winkel zur Gabelung stehe. Das ist unabhängig von der Distanz.
Ob ich erhöht stehe oder nicht, ist nicht wichtig. Denn die Skulptur ist zu gross. Ich müsste schon höher sein als die Skulptur.
Stimmen:
Ich habe sechs Leute gefragt, was sie vom Kunstwerk halten:
- Ein älterer Herr hat meine Frage auf Schriftdeutsch nicht verstanden, weil er nicht Deutsch konnte.
- Zwei Frauen haben zwar meine Frage verstanden, konnten sich aber schlecht verständigen. Ihnen ist Das Kunstwerk nicht aufgefallen. Aber sie finden den Park schön und kommen gerne hierher.
- Zwei Buben, ca. 12 Jahre alt, spielen Basketball auf dem Hartplatz. Sie wohnen in der Nähe kommen oft hierher. Sie kennen das Kunstwerk, aber es scheint ihnen nicht wichtig zu sein. Sie erkennen die Steinschleuder in der Form wieder.
- Eine Frau kommt mit zwei Kindern (ca. 11 + 7 Jahre), oft hierher. Sie nennen diesen Spielplatz „Y-Spielplatz“. Sie verbinden den Besuch im Park und auf dem Spielplatz jeweils mit dem Einkaufen in der nahen Migros. Sie finden es schade, dass die Schaukel schon wieder defekt ist. Sie ist immer wieder kaputt, wird dann wieder geflickt, bis sie wieder kaputt ist. Sie mögen die Skulptur sehr. Die Mutter kennt verschiedenen Bedeutungsebenen der Skulptur. Sie sieht darin die Steinschleuder, nennt es aber Y. Und natürlich kennt die Familie auch die Funktion der Schaukel. Die Mutter meint, dass heute sehr wenig los sei. Vermutlich wegen den Ferien. Sonst seien viel mehr Leute hier und es fänden regelrechte Volksfeste statt.
Das Kunstwerk kann verschieden gelesen werden:
Schaukel
Es gehört zum ursprünglichen Konzept des Kunstwerkes, dass man darauf schaukeln kann. Und wenn man schaukelt, beginnt die Skulptur farbig zu leuchten. Doch wegen Beschädigung kann man zurzeit weder darauf schaukeln, noch leuchtet die Skulptur.
Zeichen des Widerstands
Das Y hat auch die Form einer Steinschleuder, welche man als Symbol des Widerstands betrachten kann. In der biblischen Geschichte besiegt David Goliath mit einer Steinschleuder. Aber die Steinschleuder wird von Unterdrückten auch als Instrument auf Strassenschlachten benutzt. Das Leben bestehe eben aus Widerstand. Widerstand zu leisten oder etwas zu widerstehen gehöre laut Künstler zum Menschsein. Zudem nimmt dieser Aspekt Bezug auf die Anwohner. Es wohnen überdurchschnittlich viele Emigranten in diesem Quartier. Sie sind aufgrund von Widerstand aus ihrem Heimatland weggegangen und hier, in der neuen Heimat bekamen sie es auch mit viel Widerstand zu tun. Die Skulptur beinhaltet beide Blickwinkel.
Doch aufgrund der Grösse ist diese Steinschleuder nicht als Waffe benutzbar.
Y – Why?
Diese Perspektive der Emigranten wird noch unterstrichen durch die doppelte Bedeutung des Buchstabens. Auf Englisch wird Y als Why ausgesprochen. Warum? Was waren die Gründe für eine Emigration? Warum dieser Widerstand hier?


Flüchtige Gedanken zur Skulptur
–> gross: von oben herab
–> Schräglage: Gleichgewicht
–> milchig weiss (auf den ersten Blick –> kann aber die Farbe wechseln)
–> Buchstabe (Worte schreiben, Text)
–> „Ich komme als nackter Mann.“
–> Diversität bedeutet hohes Potential. –> viele verschiedene Sprachen, Kulturen, etc.
–> Vielschichtigkeit bedeutet verschiedene Lesarten.
–> Interkation: Es braucht die Anwohner (oder den Betrachtenden), um das Werk zu vollenden.
–> Beziehung zwischen Anwohner und der Skulptur: Die Skulptur gehört zum Platz. Ich muss an grosse Bäume auf alten Plätzen denken, z.B. Lindenbäue

Sisley Xhafa
Geboren 1970 in Peia, Exjugoslavien (heute Kosovo), lebt heute in New York.
Xhafa macht in seiner künstlerischen Arbeit seit jeher auf Anliegen benachteiligter Bevölkerungsgruppen aufmerksam. Er thematisiert die wechselseitigen Vorurteile und die subtilen Mechanismen gegenseitiger Aus- und Abgrenzung. Territorial und geschichtlich geprägte Lebensformen, Zugehörigkeit und Heimat, Gemeinschaft und Identität sind Belange, die einen grossen Teil der Bevölkerung des Hardquartiers in besonderem Masse beschäftigen




















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