Evaluation

Ausgangslage: 

Ich habe einen Stadtspaziergang durch das Zürcher Hard Quartier entwickelt. Die Teilnehmerin und der Teilnehmer besucht dabei 5 Objekte im öffentlichen Raum und erhält das Angebot, sich auf eine sinnliche Art und Weise mit den Objekten auseinanderzusetzen. Bei den Objekten handelt es sich um öffentliche Kunstwerke oder bemerkenswerte Architektur. Ausgangspunkt meiner Idee war die Feststellung, dass die meisten Menschen achtungslos an öffentlichen Kunstwerken oder besonderer Architektur vorbei gehen. Entlang der Frage, was es braucht, die Aufmerksamkeit der Leute zu wecken, bin ich zu folgender These gelangt: 

  1. Eine Lernerfahrung entsteht nicht nur auf kognitiver Weise. Es kann auch über eine ästhetische Erfahrung ein Lernprozess in Gang gesetzt werden. 
  2. Durch die gemachte Erfahrung entsteht eine persönliche Bindung zum Lerngegenstand oder in dem Fall zu den betreffenden Objekten. 
  3. Sinnliche Übungen öffnen die Wahrnehmung. 

Ich habe mich entschieden, meine Evaluation direkt im Anschluss an den durchgeführten Rundgang vom 30. Mai 2021 durchzuführen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass am Ende eines Workshops kaum Lust dazu besteht. Zudem war es mir im direkten Gespräch möglich nachzuhaken, falls mir etwas unklar war. Die Evaluation besteht aus fünf Fragen, welche ich den Teilnehmenden während der Schlussreflexion am Ende der Führung gestellt habe. 

Lieber hätte ich die Evaluation aber unter Einbezug von mindestens zwei verschiedenen Führungen ausgewertet. Aber leider habe ich es nicht geschafft, genügend Teilnehmer:innen für einen weiteren Anlass zu finden. Ich bekam viele Absagen, weil die angefragten Leute sehr beschäftigt sind. Einige haben gar nicht auf meine Einladung reagiert und dann wieder haben Leute zugesagt, um danach wieder abzusagen. Somit bezieht sich die Evaluation einzig auf den Rundgang vom 30. Mai 2021. An dieser Führung hat eine Gruppe von total acht Personen teilgenommen: 2 ältere Personen (älter als 65 J.), 1 Person im mittleren Alter (ca. 45 J.), 2 junge Personen (etwa 30 J.), 3 Jugendliche (15 und 16 J.) 

Rundgang 30. Mai 2021

Glocke*Hardau*Bimbam*2006*: Der Glocke den Klang zurückgeben

Blöcke im Sand: Das innere Bild (Tastübung)

Wohntürme Überbauung Hardau II: „Menschlicher Fotoapparat“

Y: Schabernack

Grabkammer: Sterben Sie wohl! Was am Ende bleibt

Evaluation:

Welches (positive oder negative) Erlebnis war für dich am eindrücklichsten? 

Für die Mehrheit der Teilnehmenden waren die beiden Übungen (Blöcke im Sand abtasten / menschlicher Fotoapparat) am eindrücklichsten, bei welchen sie ganz oder teilweise die Augen geschlossen gehalten haben. Das Weglassen des Sehsinnes bewirkte die Aktivierung anderer Sinne. Die jüngeren Teilnehmenden fanden es positiv überraschend, dass sie sich bei der vierten Aufgabe in das Kunstwerk hineinversetzt und versucht haben, die Welt mit den Augen des Kunstwerkes zu sehen. Niemand hat ein negatives Erlebnis erwähnt.

Inwiefern hat sich deine Sicht auf die öffentlichen Kunstwerke verändert?

Die meisten Teilnehmenden meldeten zurück, dass ihre Wahrnehmung gegenüber öffentlicher Kunst durch diesen Spaziergang sensibilisiert worden sei. Eine Teilnehmerin meinte, sie würde nun bestimmt generell wacher durch die Gegend gehen. Nicht nur durch das Zürcher Hard Quartier, sondern beispielsweise auch an ihrem Wohnort. Diese Rückmeldungen decken sich auch mit jenen meiner Mitstudent:innen, welche im April am Testrundgang teilgenommen haben. 

Wie hast du den öffentlichen Raum wahrgenommen?

Es schien den Teilnehmenden schwer zu fallen, den öffentlichen Raum bewusst wahrzunehmen. Es wurde zurückgemeldet, dass der Raum dann am meisten bewusst war, als die Gruppe von vielen Wohnhäusern umgeben war. Das vermittelte bei einigen das Gefühl, Eindringling zu sein. Bei der vierten Station spürte ich bei den Besucherinnen und Besuchern eine gewisse Hemmschwelle, in einem öffentlichen Park die Körperhaltung des Kunstwerks einzunehmen. Ein kurzer Austausch über diese Gefühle brachte die Hemmungen bei den meisten zum Schwinden. Beide Empfindungen können keiner Altersgruppe zugeschrieben werden. 

Was für eine Wirkung hinterlässt das Angebot bei dir?

Dieses Angebot wurde von fast allen als bereichernd und erfrischend wahrgenommen. Auch meine Mitstudent:innen vom Testrundgang äusserten sich ensprechend. Eine eher kopflastige Person vom Spaziergang vom 30. Mai fand es schwierig, sich auf die Übungen einzulassen. Sie meinte, sie würde sich eher nicht für ein solches Angebot anmelden. 

Was würde dem Angebot noch gut tun?

Niemand machte Vorschläge, wie das Angebot verbessert werden könnte. Die Übungen seien aufeinander abgestimmt und bereichernd. Die Menge an Übungen sei stimmig. Die Führung sei auch distanz- und zeitmässig gerade recht. 

Fazit: 

Es ist mir bewusst, dass die Tatsache, dass  es sich bei den teilnehmenden Personen entweder um Familienmitglieder oder um Personen aus dem Freundeskreis gehandelt hat, das Feedback beeinflusst haben könnte. 

Andererseits hat die Gruppe mit ihrer Vielfalt genau meiner favorisierten Zielgruppe entsprochen: eine altersdurchmischte Gruppe, eher aus kunstfernen Kreisen. Jede Altersgruppe hat ihre eigene Sicht auf die Welt. Zudem kann die ältere Generation auf einen anderen Erfahrungsschatz zurückgreifen als die Jugendliche zum Beispiel. Dieser Unterschied spiegelte sich auch in den jeweiligen Feedbacks, sowohl im Anschluss an die sinnlichen Übungen als auch in der Schlussreflexion. 

Ausgehend von meiner Ursprungsthese blicke ich auf ein gelungenes Projekt zurück. Meiner Meinung nach kann dieses Angebot ohne weiteres auch in einem anderen Zürcher Quartier oder in einer anderen Stadt durchgeführt werden. Ich kann mir vorstellen, dass es sogar im musealen Raum funktionieren und bezüglich der Zielgruppe variiert werden kann. 

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